Bild oben: Ein Protest von Greenpeace-Aktiven gegen Amazons Cloud-Anbieter AWS bei dessen Hamburger Konferenz im Mai. Mehr zu der Aktion weiter unten im Artikel. © Maria Feck / Greenpeace
Endlich schien sie möglich: Eine Welt für alle, „ohne Vorrechte oder Benachteiligungen aufgrund von Herkunft, Reichtum, militärischer Macht oder sozialem Status.“ Diesen alten Menschheitstraum sah der Aktivist John Perry Barlow im Jahr 1996 am Horizont. Die breite Öffentlichkeit entdeckte gerade das junge Internet – die neue Technik, so erhoffte es damals nicht nur Barlow, würde mehr Demokratie bringen, mehr Gleichberechtigung, mehr Austausch. Auch Umweltschützer:innen setzten auf das Internet, vor allem, weil die neue Vernetzung ein globales Bewusstsein für gemeinsame Herausforderungen wie Umwelt- und Klimaschutz schaffe.

Und heute, 30 Jahre später? Hat das Internet mit den Traumwelten von einst kaum Ähnlichkeiten. Die moderne Netzökonomie legt enorme Macht in die Hände sehr Weniger. In der Forbes-Reichstenliste muss man suchen, um Ausnahmen zu finden, ansonsten: Internetunternehmer, männlich, weiß. Ein kleiner, homogener Zirkel verdient Milliarden mit Daten, Aufmerksamkeit und Werbung – und greift skrupellos in demokratische Prozesse ein. Noch nie in der modernen Geschichte verfügten einzelne Menschen über so viel Macht wie Jeff Bezos (Amazon, AWS), Elon Musk (Tesla, X) oder Marc Zuckerberg (Facebook, Whatsapp, Instagram).
Die Internetplattformen dieser Milliardäre belohnen Zuspitzung statt Austausch – das treibt die Spaltung der Gesellschaft voran und stärkt populistische Bewegungen. Die Logik sozialer Netzwerke führt zu Stress, Einsamkeit und Depressionen.
Gleichzeitig wächst der ökologische Fußabdruck der digitalen Welt: Rechenzentren, Streaming und Künstliche Intelligenz (KI) verbrauchen riesige Mengen Energie. Alleine der Stromverbrauch von KI-Rechenzentren wird, so eine Greenpeace-Studie aus dem Februar 2026, 2030 elfmal so hoch sein wie 2023.
Das Internet gehört den Menschen
Aus der digitalen Utopie der 90er Jahre wurde ein zerstörerisches Herrschaftsinstrument. Statt Gleichheit erwuchs neuer Feudalismus.
Damit müssen wir uns nicht abfinden. So wie es zu dem gemacht wurde, was es heute ist, kann das Internet auch verändert werden.
Denn die Macht der digitalen Herrscher basiert auf dem Wissen, der Arbeit und der Kreativität von uns allen. Ein Beispiel: Was wir heute „Künstliche Intelligenz“ nennen, ist in seiner kommerziellen Anwendung oft nicht viel mehr als ein schlecht getarnter Raubzug durch gigantische Datenmengen aus Wissenschaft, Medien, Kunst und Kommunikation. Für Greenpeace sind auch die Themen Umwelt und Menschenrechte wichtig: Schon 2017 legte Greenpeace mit „Clicking Green“ (act.gp/clicking-clean) ein Szenario für ein umweltfreundliches Internet vor. Kürzlich zeigte ein Report (act.gp/aws-report), welche Zerstörung – Klimaschäden und Menschenrechtsverletzungen – Amazons Cloud-Anbieter AWS ermöglicht. Das müssen wir nicht hinnehmen.
Technik zum Wohle der Umwelt
Was, wenn digitale Programme, die unsere Kommunikation, Mobilität oder Gesundheitssystem steuern, sich am Gemeinwohl orientierten? Soziale Netzwerke wie Tiktok oder Instagram hätten dann zum Beispiel nicht mehr das Ziel, Nutzer:innen möglichst lange zu fesseln, sondern sie gut zu informieren und konstruktive Diskussionen zu fördern. Was, wenn wir die enormen Möglichkeiten der neuen Technologien einsetzten, um die Demokratie zu stärken und die Klimakrise zu lösen? Warum sollten wir zulassen, dass der Zugang zu Wissen, Kreativität und Kommunikation privatisiert wird?

Lange galt die digitale Welt als ungeregelter Raum. Doch dadurch entstanden Monopole, Desinformation, psychische Belastungen und ein ausufernder Energieverbrauch. Damit das Internet allen Menschen dient, braucht es Regeln – wie beim Umwelt- oder Verbraucher:innenschutz. Derzeit ist die EU die einzige Institution weltweit, die wenigstens versucht, im größeren Stil Big Tech wirksam und mit dem Gemeinwohl im Blick zu regulieren – und dabei oft globale Standards setzt. In der Tech-Branche ist dieser „Brüssel-Effekt“ gefürchtet. Doch die EU muss weiter vorangehen und wir sollten sie gegen das Gerede von „Deregulierung“ und gegen die Einflussnahme der Trump-Regierung verteidigen.
Wir müssen die Marktmacht der wenigen Konzerne begrenzen, die soziale Netzwerke, Suchmaschinen, Werbung und Cloud-Dienste kontrollieren. Wege dahin sind strengere Kartellgesetze, Begrenzung von Übernahmen und offene Standards, damit Nutzer:innen einfacher zwischen Diensten wechseln können.


Das Internet braucht Regeln
Auch beim Schutz der psychischen Gesundheit von User:innen ist viel zu tun. Endlos-Inhalte, Push-Mitteilungen und algorithmisch verstärkte Empörung sollen möglichst viel Aufmerksamkeit binden – erzeugen dabei aber Stress und Polarisierung. Fachleute fordern deshalb mehr Transparenz bei Algorithmen sowie Regeln gegen manipulative Designs. Besonders Kinder und Jugendliche könnten besser geschützt werden – etwa durch altersgerechte Voreinstellungen oder Einschränkungen personalisierter Werbung.
Und natürlich braucht das Netz ökologische Leitplanken: Rechenzentren, Streaming und KI verbrauchen enorme Mengen Strom und Wasser. Die Politik muss strengere Umweltstandards setzen: mehr erneuerbare Energien für die Versorgung von Rechenzentren etwa. Kund:innen müssen mehr Rechte auf die Reparatur von Computern und Smartphones eingeräumt werden. Würden Hersteller verpflichtet, Geräte länger mit Updates zu versorgen, müssten Computer oder Smartphones nicht unnötig entsorgt werden. Und warum eigentlich gibt es Angaben zum Energieverbrauch von Kühlschränken, nicht aber von Streaminganbietern?
Auch wenn sie sich so inszenieren, sind die Bezos’, Musks oder Zuckerbergs dieser Welt keine Genies, sondern Profiteure konkreter politischer Entscheidungen. Die Frage lautet also nicht, ob das Internet reguliert wird – sondern in wessen Interesse. Für Konzerne? Oder für Mensch und Umwelt?

Für ein umwelt- und menschenfreundliches Netz
Regulierung ist für Greenpeace unerlässlich. Aber die gute Nachricht ist: Wir alle können etwas tun, und wir müssen dafür keine Programmierer:innen sein. Schon kleine Verhaltensänderungen können Macht verschieben:
▶ Greenpeace rät zum „digitalen Ausstieg“ aus monopolartigen Plattformen: Statt Whatsapp datenschützende Messenger wie Signal nutzen, statt X dezentrale Netzwerke wie Mastodon. Suchmaschinen wie Ecosia finanzieren Aufforstungsprojekte, während Browser wie Firefox unabhängige Gegenmodelle zu den Systemen von Google oder Apple sind.
▶ Streaming in höchster Auflösung, ständiges Cloud-Backup und KI-Anwendungen brauchen viel Energie. Nutzer:innen können diese Dienste vermeiden oder einschränken, etwa indem sie auf eine Funktion spezialisierte KI-Modelle nutzen statt der bekannten Chatbots.
▶ Soziale Netzwerke verdienen, wenn Menschen möglichst lange bleiben. Wer Push-Mitteilungen deaktiviert und Bildschirmzeiten begrenzt, entzieht diesen Geschäftsmodellen einen Teil ihrer Grundlage.
▶ Es gibt ein Leben jenseits des Digitalen: Immer mehr junge Menschen treffen sich zum Musikhören oder Bücherlesen. In Skandinavien kehren Schulen zum analogen Unterricht zurück, in Deutschland beginnt zumindest eine Debatte darüber.
▶ Initiativen wie Save Social (von Greenpeace unterstützt) engagieren sich zum Beispiel mit einem monatlichen Digital Independence Day für ein demokratisches Internet und dafür, den Einfluss großer Konzerne zu begrenzen. Jede:r kann mitmachen und Unterstützung zeigen.
Aktion
Mitte Mai, Hamburger Messehallen: Während „Amazon Web Services“ (AWS) für seine Dienste wirbt, machen Aktive von Greenpeace sichtbar, wie skrupellos die Amazon-Konzerntochter vorgeht. „Time to quit AWS“ – „Leave the Toxic Cloud“ steht auf den Bannern.
Amazon-Gründer und Multimilliardär Jeff Bezos kontrolliert über AWS die Infrastruktur, auf der Europas digitales Leben läuft: Behörden, Krankenhäuser, Schulen, Unis. Ein einziger US-Konzern. Kaum reguliert. Ein Greenpeace-Report vom Mai 2026 enthüllte: AWS unterhält Geschäftsbeziehungen zu mindestens 100 Unternehmen, die selbst von der wenig zimperlichen Finanzbranche aus ethischen Gründen ausgeschlossen sind – darunter Regenwaldzerstörer, Produzenten geächteter Waffensysteme und fossile Energieriesen
(act.gp/aws-report).

Genauso wie Umwelt- oder Klimaschutz ist die digitale Selbstbestimmung eine gesellschaftliche Aufgabe. So wie Verbraucher:innen Ökostrom wählen oder Plastik vermeiden, können sie auch entscheiden, welche digitale Welt sie unterstützen.
Nicht jeder Klick verändert das System sofort. Aber Millionen alltägliche Entscheidungen tun es lang-fristig doch. Zusammen können wir ein Internet erschaffen, wie es
uns gefällt.