Vorbild Ukraine

Die Vorstandsmitglieder von Greenpeace Deutschland, Sophie Lampl (2. v. l.) und Nina Schoenian (3. v. r.) treffen den Bürgermeister von Butscha vor der Andreas-Kirche.
Greenpeace Deutschland arbeitet eng zusammen mit den ukrainischen Kolleg:innen, die sich mitten im Krieg für eine grüne Zukunft engagieren. Als im Frühjahr eine Einladung nach Kyjiw eintraf, gab es daher kein Zögern.
Ein Reisebericht von Vorständin Nina Schoenian
Als die Einladung aus dem ukrainischen Büro kommt, steht für meine Kolleg:innen und mich fest: Wir fahren! Denn was das Team dort in den vergangenen zwei Jahren aufgebaut hat, ist beeindruckend – ein Greenpeace-Büro, eröffnet mitten im russischen Angriffskrieg. Gemeinsam mit Greenpeace-Kolleg:innen aus Deutschland und anderen Ländern machen sich meine Vorstandskollegin Sophie Lampl und ich auf den Weg nach Kyjiw: 26 Stunden Zugfahrt. Aus Sicherheitsgründen fahren wir getrennt und lassen unseren dritten Vorstand Martin Kaiser in Hamburg.
Der erste Tag vor Ort bringt eine spontane Einladung ins Außenministerium. Ich erwarte ein klassisches Hintergrundgespräch, wenig Greifbares. Doch dann wird es schnell konkret, etwa zur russischen Schattenflotte und zum Thema Sanktionen. Zeit für politische Choreografie gibt es hier nicht. Der Krieg macht das Leben schnell – und zugleich langsam, etwa wenn alltägliche Verrichtungen wie ein Einkauf wegen Raketenalarms zu schwierigen Aufgaben werden.
Stolz auf Greenpeace
Die nächsten drei Tage schweißen die Gruppe aus den verschiedenen Greenpeace-Büros zusammen. Als wir einander erzählen, wann wir zuletzt stolz auf Greenpeace waren, entsteht Wärme im Raum: Da sind die Recherchen zum russisch besetzten AKW Saporischschja, mit denen Greenpeace internationale Aufmerksamkeit auf die Sicherheitsrisiken dort lenkte. Oder der Moment, als der Bürgermeister von Butscha Anatolii Fedoruk uns den „Token of Friendship“ überreichte – ineinander verschränkte Hände aus eingeschmolzenen russischen Panzern – als Dank für unsere Anteilnahme nach dem Massaker von Butscha und für die Unterstützung beim Aufbau einer dezentralen Energieversorgung.
Was der Krieg für die Menschen bedeutet, wird mir besonders eindrücklich im Schutzraum eines Kindergartens bei Kyjiw vor Augen geführt. Sachlich betrachtet, ist der eine Erfolgsgeschichte: Dank der von Greenpeace installierten Solarpanels bleibt es dort während der Raketenangriffe warm und hell. Der Raum ist liebevoll geschmückt, die Wände bunt, es gibt viel Spielzeug. Die Kinder sprechen vom „Hobbitraum“. Und doch schmerzt es mich, wie sehr sich das Leben dieser Kinder von dem meiner Kinder in Deutschland unterscheidet. Hier müssen die Kinder lernen, sich in einem Luftschutzbunker wohlzufühlen.

Trotz und gerade im Krieg ist Greenpeace in der Ukraine aktiv: Der Schutzraum eines Kindergartens (oben links), Protest vor der Atomruine von Tschornobyl (oben rechts) und ein Beispiel für grünen Wiederaufbau – eine mit Hilfe von Greenpeace wieder errichteten und mit Solarpanelen ausgestattete Krankenstation (unten).
Lernen von der Ukraine
Auch die gemeinsamen Essen werden mir in Erinnerung bleiben und der Stolz der Ukrainer:innen auf ihre Küche. Orte wie das von Krimtataren geführte Restaurant in Kyjiw schaffen ein Stück Alltag inmitten des Krieges und werden damit zu Zentren des Widerstands. Als mir die vielen Cafés mit ihrer großen Auswahl an Kaffeevarianten auffallen, erzählt mir Kollege Illia, dass Starbucks‘ geplante Ukraine-Expansion vor Jahren an der lokalen Kaffeekultur gescheitert sei.
Neben den unvergesslichen Eindrücken dieser Reise bleibt auch die Erkenntnis, dass alle Greenpeace-Büros weltweit vom ukrainischen Büro lernen kann – etwa, wie wir Infrastruktur resilient machen. Von dieser Zusammenarbeit profitieren wir alle. Nach intensiven Tagen fühlt sich Solidarität für mich nun weniger wie ein abstrakter politischer Begriff an. Es ist etwas sehr Konkretes. Wir stehen zusammen.