Was der Wal uns Lehrt

Meere

Ein Buckelwal strandet, wird fortgeschleppt und stirbt
schließlich doch. Was er uns über uns selbst und über den Meeresschutz erzählt
von Thilo Maack

So viele Menschen projizierten ihre Hoffnungen auf das Tier, schließlich gaben sie ihm sogar Namen. Wochenlang guckten sie dem Buckelwal im Frühjahr beim Leiden zu, als er in seichtem Wasser vor der deutschen Küste lag. Dann war das Tier tot. Wie es sich während der Rettungsversuche fühlte, man kann es nur erahnen.

Wir Menschen sahen diesen mächtigen Körper vor uns, erst desorientiert und erschöpft, schließlich tot am Strand liegend. Viele erkannten nicht nur ein sterbendes Tier. Sie erkannten sich selbst.

Die traurige Geschichte des Wals begann Ende März, als er – ein Weibchen, wie wir jetzt wissen – vor Timmendorfer Strand auf einer Sandbank strandete. So jedenfalls haben wir Menschen es uns zurechtgelegt: Viele sahen darin eine grausame Laune der Natur, die berichtigt werden muss. Die Wahrheit ist, dass die Geschichte des Wals in diesem Moment zu Ende ging.

Thilo Maack studierte Meeresbiologie und arbeitet seit 1999 bei Greenpeace. Als Experte für Kriseneinsätze ist er für schnelle Reaktionen bei Schiffs­unglücken und anderen Umwelt­katastrophen zuständig.

Ihren Anfang nahm die Geschichte viel früher, irgendwo im Ozean, verborgen vor unseren Augen und Kameras: bei Unterwasserlärm, Überfischung, gefährlichen Schiffsschrauben und Vermüllung. Während Menschen mitfieberten und hofften, hatte der Wal ein Fischernetz im Maul.

Buckelwale können 90 Jahre alt werden. Ihre Gesänge gehören zu den komplexesten im Tierreich. Ihre Körper sind dafür gemacht, Fischschwärmen durch alle Ozeane zu folgen und 200 Meter tief zu tauchen. Auf die vom Menschen verursachte Katastrophe sind sie nicht vorbereitet. Jedes Jahr verenden alleine rund 300.000 Wale und Delfine weltweit qualvoll, weil sie sich in Fischereigeräten verfangen. Unbeachtet von uns. So auch die Schweinswale, deren abgetrennte Flossen letztes Jahr in der Lübecker Bucht angespült wurden – vermutlich herausgeschnitten aus Stellnetzen: keine Namen, keine Liveticker, keine öffentlichen Tränen eines Ministers.

Aktive von Greenpeace protestieren Ende 2024 gegen industriellen Fischfang im Ärmelkanal.
Aktive von Greenpeace protestieren Ende 2024 gegen industriellen Fischfang im Ärmelkanal.

Auch diese Tode erzählen eine Geschichte. Doch es ist keine, die uns Hoffnung gibt in oft als düster empfundenen Zeiten, keine, in der wir uns als Held:innen fühlen. Es ist die Geschichte eines ausbeuterischen Wirtschaftssystems, verschwenderischen Konsums und feiger Politik.

Jedes Jahr landen über 640.000 Tonnen Fischernetze und -leinen als tödliche Fallen im Meer. In ausgewiesenen Schutzgebieten wüten ganz legal Grundschleppnetze und Stellnetze. Seit Jahrzehnten wird die Ostsee massiv überfischt. Plastik, Gifte und Gülle ersticken das Leben. Die Klimakrise erhitzt alle Meere.

Diese Geschichte endet nicht mit einem öffentlichkeitswirksamen Rettungsversuch. Sie endet mit hunderttausendfachem Tod.

Und doch: Die Sorge um den Wal, der im Frühjahr einen Namen erhielt, die Anteilnahme, die Hoffnung, sie waren wichtig. Denn sie können, wenn wir es nur wollen, Antrieb zu echter Verbesserung sein.

Am 17. Januar dieses Jahres feierten Greenpeace und viele Meeresschützer:innen einen historischen Schritt: Das UN-Hochseeschutzabkommen trat nach 20 Jahren intensiver Bemühungen in Kraft. Deutschland verpflichtet sich, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Meeresfläche effektiv zu schützen. Ein echter Erfolg, aus dem nun konkrete Taten folgen können.

Medien und Politik veranstalteten einen großen Rummel um den Wal, hier Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther.
Medien und Politik veranstalteten einen großen Rummel um den Wal, hier Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther.

Fünf deutsche Meeresschutz-gebiete gehörten laut Satellitendaten-Analysen von 2020 zu den zehn am stärksten mit Grundschleppnetzen befischten Gebieten in der EU – darunter das Weltnaturerbe Wattenmeer. Die Meere und ihre Bewohner brauchen Schutzgebiete, die den Namen verdienen.

Mitgefühl und der Wunsch zu helfen sind starke Kräfte. Lenken wir sie dahin, wo sie wirken. Korrigieren wir den jahrzehntealten Irrtum der Menschheit, wir könnten die Umwelt ausbeuten, ohne dass es einen Preis hätte. In diesem Frühjahr hat uns ein Buckelwal gezeigt, wie hoch der Preis dafür ist. Hören wir auf ihn.

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