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BilligMODE

Eine Untersuchung von Greenpeace zeigt, dass die Billigkleidung von Shein oft schwer mit gesundheitsschädlichen Chemikalien belastet ist. Das Unternehmen umgeht europäische Regularien

Auf den ersten Blick mag es wie das Paradies aussehen: Eine quasi unendliche Auswahl an Kleidungsstücken, in wenigen Tagen an die Haustür geliefert, das Ganze zu Preisen die praktisch allen eine große Garderobe ermöglichen. Ein genauerer Blick lässt jedoch eher an die Hölle denken: Ausgebeutete Arbeiter:innen, immenser Ressourcenverbrauch, gefährliche Chemikalien in den Kleidungsstücken.

Die Rede ist von Shein, einer chinesischen Internetplattform, die das Prinzip Fast Fashion (schnelle Mode) auf die Spitze treibt. In einem riesigen Netz von Fabriken werden in China unter höchstem Zeit- und Kostendruck Klamotten produziert. Auf der Shein-Website erscheinen jeden Tag Tausende neue Kleidungsstücke, an manchen Tagen bis zu 10.000. Insgesamt finden sich auf der Plattform etwa 500.000 Stücke, die meisten sind nur wenige Wochen erhältlich. Wer etwa nach einem blauen Damenpullover in Größe M sucht, findet rund 2000 Modelle, die meisten für weniger als 20 Euro. Tragbar sind die Stücke nur wenige Male, aber was macht das schon? Die neue Bestellung ist ja schon unterwegs. Innerhalb weniger Jahre wurde Shein so zu einer der meistbesuchten Mode-Websites der Welt.

Billig gekauft, teuer bezahlt

Möglich ist das nur, weil die scheinbar niedrigen Preise mit Ausbeutung und Umweltzerstörung bezahlt werden. Und wie eine neue Recherche von Greenpeace zeigt, zahlen die Kund:innen für die Wegwerfmode auch mit ihrer Gesundheit: Expert:innen fanden in Kleidungsstücken von Shein gesundheitsschädliche Chemikalien, teilweise weit über europäischen Grenzwerten. Das Greenpeace-Team kaufte in acht europäischen Ländern 56 Kleidungsstücke und ließ sie in einem zertifizierten Labor untersuchen.

Das Ergebnis ist erschreckend: 18 Produkte überschreiten die gesetzlichen Grenzwerte für eine oder mehrere Chemikalien gemäß der EU-Chemikalienverordnung REACH. Sieben Produkte überschreiten die Grenzwerte für PFAS (sogenannte Ewigkeitschemikalien, siehe auch S. 14) um das bis zu 3300-fache. 14 Produkte überschreiten die Grenzwerte für Phtalate (gesundheitsgefährdende Weichmacher), sechs davon um das Hundertfache oder mehr. Auch die Schwermetalle Blei und Cadmium fanden sich in der Billigmode.

Mit dieser Kunstinstallation aus Altkleidern protestierten Aktive von Greenpeace im Oktober gegen Fast Fashion.
Mit dieser Kunstinstallation aus Altkleidern protestierten Aktive von Greenpeace im Oktober gegen Fast Fashion.

Ohne rechtliche Konsequenzen

Arbeiter:innen in den Fabriken sind all diesen Stoffen oft schutzlos ausgesetzt, zugleich gelangen die Chemikalien teilweise ungefiltert in Flüsse und Böden. Aber auch die Kund:innen in Europa kommen unweigerlich mit den gefährlichen Stoffen in Kontakt. Viele von ihnen gelten als krebserregend oder können die gesunde Entwicklung von Kindern stören.

Shein kann die europäischen Richtlinien ohne rechtliche Konsequenzen umgehen, da die Shops auf der Plattform direkt an die Kund:innen in Europa liefern. So unterliegen sie nur eingeschränkt den Vorschriften.

Dass Shein diese Regelungslücke bewusst ausnutzt, liegt zumindest nahe. Denn schon 2022 untersuchte Greenpeace Wegwerfmode von der Plattform, mit ähnlichen Ergebnissen. Seither gelobte Shein Besserung, doch von der kann keine Rede sein, wie die neue Untersuchung zeigt. Es bleibt also dabei: Hinter dem billigen Preis verstecken sich horrende Kosten. Die zahlen Arbeiter:innen, Umwelt und Klima – und am Ende auch die Kund:innen.

Um diesen zerstörerischen Trend zu stoppen, fordert Greenpeace von der Bundesregierung ein Anti-Fast-Fashion-Gesetz.

Detail der Installation: Foto von Kleidungsmüll am Strand von Ghana.
Detail der Installation: Foto von Kleidungsmüll am Strand von Ghana.

Konkret bedeutet das:

• Einführung einer Fast-Fashion-Abgabe, damit Hersteller endlich für die Schäden ihrer exzessiven Produktion Verantwortung übernehmen.

• Werbeverbot für Fast Fashion überall, auch auf Social Media, um das künstlich aufgeheizte Konsumklima abzukühlen.

• Förderung zirkulärer Geschäftsmodelle wie Secondhand, Tauschbörsen und Reparaturangebote.

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