Seit vielen Jahren beschäftigt sich Franziska Saalmann mit der Tiefsee, sie hat Meeresbiologie studiert und einige Expeditionen begleitet. Und doch ist es ein besonderer Moment für sie, als der Tauchroboter die ersten Bilder sendet von diesem Lebensraum in 3000 Metern Tiefe: gewaltige Unterwasserschlote, aus denen heißes, mineralreiches Wasser austritt wie schwarzer Rauch. Unmittelbar in der Nähe leben winzige Krebstierchen, Schnecken und Anemonen, perfekt angepasst an die extreme Umgebung. „Zu sehen, was zuvor nur wenige Menschen gesehen haben, ist ein irreales Gefühl“, erzählt Greenpeace-Meeresexpertin Saalmann. Die Schönheit und Anmut der Lebewesen, die dort in völliger Dunkel-heit und verborgen vor den Augen der Menschen existieren und dann noch der Gedanke, dass genau an solchen heißen Quellen am Meeresgrund das Leben auf unserem Planeten entstanden sein könnte – das lässt auch eine erfahrene Umweltschützerin nicht kalt.
Fünf Wochen war Franziska Saalmann im Sommer gemeinsam mit internationalen Kolleg:innen von Greenpeace sowie Wissenschaftler:innen der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, der Universität Uppsala, des Nationalmuseums für Naturwissenschaften in Madrid und der Universität Bergen mit einem Forschungsschiff in arktischen Gewässern zwischen Grönland und Norwegen unterwegs. Ziel der „Deep Arctic Expedition“ war es, die Vielfalt der am wenigsten erforschten Lebensräume unserer Erde zu untersuchen und möglichst viele Menschen daran teilhaben zu lassen.
Anlass dafür war leider nicht nur wissenschaftliche Neugier. Denn die Tiefsee ist bedroht: „Tiefseebergbau könnte schon bald einzigartige Hotspots der Artenvielfalt unwiderruflich zerstören“, sagt Saalmann.

Greenpeace-Meeresexpertin Franziska Saalmann an Bord des Forschungsschiffs

Immer wieder tauchte Tiefseeroboter „Holly“ in die Tiefe, lieferte spektakuläre Aufnahmen und brachte wertvolle Proben mit an die Oberfläche.
Die „Deep Arctic Expedition“ dokumentierte, was auf dem Spiel steht, wenn die Industrie in das komplexe System der Ozeane eingreift. Nur wenn wir die einzigartigen Lebensräume in der scheinbar lebensfeindlichen Tiefsee besser verstehen, können wir sie wirksam schützen. Die aufwändige Expedition ist ein Gemeinschaftsprojekt von Greenpeace Nordic, Greenpeace International und Greenpeace Deutschland. Förderpartner ist die Greenpeace Umweltstiftung.
16 mal steuerten Saalmann und ihre Kolleg:innen den Tiefseeroboter, den sie liebevoll „Holly“ getauft hatten, in bis zu 3000 Meter Tiefe hinab. Bei jedem Tauchgang sammelten sich die Forscher:innen fasziniert vor den Bildschirmen und staunten über die Videobilder aus der Tiefe. Und jedes Mal, wenn „Holly“ wieder auftauchte, war es spannend, die Probenbehälter zu öffnen: Wie würden Gestein, Sedimente, Schwämme an der Oberfläche aussehen? Wie die Seesterne und Krebstierchen?

Das Team nahm auch Wasserproben aus verschiedenen Tiefen. Sie erlauben Rückschlüsse auf die Wasserchemie und liefern Spuren des Erbguts von zahlreichen Arten.
Mindestens sieben bislang unbekannte Arten
Die Auswertung der wertvollen Proben wird noch viele Monate dauern – doch schon an Bord waren sich die Forscher:innen sicher: Sie haben bedeutende Erkenntnisse gewonnen über die faszinierende wie verletz-liche Welt der arktischen Tiefsee.
Sieben bislang unbeschriebene Arten von Schwämmen und Krebs-tieren haben die Forschenden voraussichtlich entdeckt – ein weiterer Beleg dafür, wie wenig wir über das Leben in der arktischen Tiefsee wissen. Nicht nur für die Wissenschaft ist das eine gute Nachricht. Denn je mehr wir über die sensiblen Arten, ihre Verbreitung und Vernetzung in der ewigen Dunkelheit lernen, desto mehr Nachdruck haben die Forderungen von Greenpeace und anderen Organisationen nach wirksamen Schutz-gebieten und einem Stopp aller Tiefseebergbau-Pläne. Es wird immer klarer: Dort unten, in ewiger Kälte und Dunkelheit, verborgen vor menschlichen Blicken, blüht das Leben. Nicht zuletzt können Foto- und Videoaufnahmen von Korallengärten oder riesigen Seefedern, deren Fangarme wie Kelche aus filigranen Federn in die Wassersäule ragen (unser Titelbild), Öffentlichkeit und Politik für die kostbaren Lebensräume sensi-bilisieren.
Arbeit rund um die Uhr
Diese Ziele ließen für Franziska Saalmann und ihre Kolleg:innen die Strapazen an Bord verblassen. Um keine wertvolle Zeit zu verlieren, wurde rund um die Uhr in Schichten gearbeitet. Kein Problem in einer Region, in der die Sonne im Sommer auch nachts scheint. Für Saalmann und ihre Kolleg:innen bedeutete das: Die Tauchgänge des Roboters begleiten und live kommentieren, Proben im Labor untersuchen und sichern sowie viel Öffentlichkeitsarbeit durch Livestreams der Tauchgänge, Interviews oder auch mal eine Liveschalte mit einer Schulklasse. In ihrer freien Zeit hatte Saalmann die enge Kabine für sich, die sie sich mit einer Kollegin aus der anderen Schicht teilte.
„Wir haben im Inneren des Schiffs so konzentriert gearbeitet, dass wir uns immer wieder bewusst machen mussten, an welch wunderschönem Ort wir eigentlich waren – fernab vom Land, mitten in der Arktis“, erzählt Saalmann. Wenn sie nicht arbeitete, kauerte sie sich daher immer mal wieder in eine windgeschützte Ecke an Deck, von der aus sie die friedliche Weite des offenen Ozeans genießen konnte. Sie wird wohl nie den Moment vergessen, in dem sie sich auf ein paar Sonnenstrahlen an ihrem Lieblingsplatz freute – und kurz darauf in einem Schneesturm saß. „War trotzdem schön“, lacht Saalmann.

Vom Kontrollzentrum aus steuerten die Umweltschützer:innen und Forscher:innen die Tauchfahrten des Roboters.

Tiefseeschwämme am Hang eines arktischen Seebergs
Buntes Leben in ewiger Dunkelheit
Im Fokus der Expedition standen neben den heißen Schloten auch Seeberge, die mehr als 1000 Meter vom Meeresboden aufragen. Einige von ihnen waren zuvor noch nie erforscht worden. Hier vermuteten die Forscher:innen eine besondere Artenvielfalt. Und tatsächlich: An steilen Hängen in ewiger Dunkelheit fanden sie bunte Gärten aus Tiefseekorallen, Anemonen und Schwämmen – ein Anblick, der sie begeisterte. Sie sahen Rochen, die im Schutz der Gärten Kinderstuben hüteten, oder Seespinnen mit ihren Jungtieren. „Eine Freundin schreibt ihre Doktorarbeit über arktische Seespinnen. Sie war ganz aufgeregt über die Bilder“, erzählt Dr. Jenny Neuhaus, als Meeresbiologin der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung mit an Bord.

Das Expeditionsgebiet zwischen Grönland und Norwegen
Die Seeberge, an deren Hängen sich diese vielfältigen Lebensgemeinschaften fanden, liegen teilweise hunderte Kilometer voneinander entfernt. „Seeberge sind Hotspots der Artenvielfalt, die als Trittsteine die Vernetzung vieler Arten ermöglichen“, so Neuhaus.
Kriegt die Industrie ihren Willen, fräst sie schon bald mit schwerem Gerät metallhaltige Krusten von den Berghängen. Die Gärten, die Korallen, Rochen, Seespinnen, Krebstiere und auch die Tiere, die wir noch gar nicht entdeckt haben, sie alle wären verloren. Das lebendige Netzwerk, das weit über die Tiefsee hinaus für die Meere von Bedeutung ist, würde zerreißen.
Wie eine Mahnung, dass diese Paradiese nicht unerreichbar für menschliche Eingriffe sind, schob sich beim Erkunden eines Seebergs plötzlich eine Metallröhre in das Bild der Unterwasserkamera: Die Hülse einer Militärboje, vermutlich einst aus einem Flugzeug abgeworfen.
Die Faszination für die bislang kaum erforschten Welten und die Sorge, dass sie für immer verloren gehen könnten, schweißten die Forschenden und auch die Crew des Schiffes zusammen. Auf wenig Raum entstand eine Gemeinschaft, die über Erfolge jubelte oder die zwei Tage lang mitfieberte, als die Technik des Tauchroboters auszufallen drohte. „Fast wie in einer Familie“, berichtet Saalmann, „neben all der Arbeit haben wir auch mal zusammen einen Film geguckt oder uns zu einem Brettspiel getroffen.“

Eine Theorie besagt, dass an solchen hydrothermalen Schloten einst das Leben auf unserem Planeten begann.

Die Bilder aus der Tiefsee sorgten für Begeisterung bei Jenny Neuhaus und ihren Kolleg:innen.
Tiefseebergbau könnte ganze Arten auslöschen
Genauso wie die Lebensgemeinschaften an den Seebergen ist auch die Artenvielfalt rund um die heißen Schlote am Meeresboden gefährdet. Die Wissenschaftler:innen der „Deep Arctic Expedition“ fanden hier besondere Krebstiere: In deren Kiemen leben Bakterien, die sich von Schwefel aus den Schloten ernähren. Wenn der nächste Schlot zu weit entfernt ist, lebt eine Art dieser Tiere möglicherweise nur an einer einzigen heißen Quelle. Eine extreme Anpassung an eine uns extrem erscheinende Welt. Ohne es auch nur zu bemerken, könnten menschliche Eingriffe wie Tiefseebergbau ganze Arten auslöschen und Ökosysteme unwiderruflich zerstören.
„Noch hat die Industrie nicht begonnen, den empfindlichen Boden der Tiefsee aufzureißen. Noch können wir eine Umweltkatastrophe verhindern“, sagt Franziska Saalmann.
Greenpeace fordert, die einzigartigen Lebensräume der Tiefsee zu schützen. Das international festgelegte Ziel ist, mindestens 30 Prozent der Ozeane bis 2030 unter echten Schutz zu stellen. Zudem braucht es ein weltweites Moratorium für den Tiefseebergbau.
Die außergewöhnlichen Erkenntnisse der Expedition können dazu beitragen, diese Ziele zu erreichen, da ist sich Franziska Saalmann sicher. „Ich bin begeistert, wir konnten so viel mehr Gebiete erforschen, als wir erhofft hatten“, sagt sie. Und auch persönlich hat sie in fünf Wochen auf See etwas gewonnen: Eine noch tiefere Ehrfurcht vor der Tiefsee und ihren Lebewesen, die unter schwierigsten Verhältnissen ihre Nische finden.

Eine Theorie besagt, dass an solchen hydrothermalen Schloten einst das Leben auf unserem Planeten begann.

